Living Wage: So funktioniert die Berechnung existenzsichernder Löhne

Mit der eigenen Arbeit einen Lohn zu verdienen, der ausreicht, um alle Grundbedürfnisse zu erfüllen, ein Dach über dem Kopf zu haben und für Notfälle vorzusorgen – das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Auch in Artikel 23 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen heißt es:

„Jeder Mensch, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und der eigenen Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz.“ [1]

So weit, so gut. Doch die Lebensrealität vieler Menschen sieht leider ganz anders aus. 647 Millionen Menschen weltweit [2] leben in extremer Armut, viele davon, obwohl sie einen Beruf ausüben. Schuld daran sind geringe Löhne, die die Lebenshaltungskosten der Familien trotz harter Arbeit nicht decken und sie zu einem Leben unter prekären Umständen zwingen.

Wer dafür die Verantwortung trägt? Akteure und Akteurinnen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, aber auch einkaufende Unternehmen. Denn egal ob Mode-, Agrar- oder Technikindustrie – es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Unternehmens, eine faire Entlohnung entlang der gesamten Wertschöpfungskette sicherzustellen und so dafür zu sorgen, dass alle Arbeitenden ein menschenwürdiges Leben führen können.

Um Unternehmen dabei zu helfen, existenzsichernde Löhne entlang ihrer Wertschöpfungskette durchzusetzen, wurde das Konzept des Living Wage entwickelt. Denn für Niedriglöhne ist nicht ausschließlich der Preisdruck einiger Unternehmen verantwortlich. Auch die Berechnung angemessener Löhne bereitet teils Schwierigkeiten, da die Lebenshaltungskosten sehr vielschichtig sein können und sich zwischen unterschiedlichen Ländern und Regionen deutlich unterscheiden.

Indem man die lokalen Anforderungen an die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards messbar und im internationalen Kontext vergleichbar macht, kann mithilfe des Living Wage-Konzeptes ermittelt werden, welche Lohnhöhe in welcher Region mindestens ausgezahlt werden muss, um den Menschen eine Existenzsicherung zu gewährleisten.

Das bedeutet Living Wage

Was einen existenzsichernden Lohn ausmacht, wurde von der Global Living Wage Coalition wie folgt definiert:

„Die Vergütung, die ein Arbeitnehmer an einem bestimmten Ort für eine Standardarbeitswoche erhält, sollte ausreichen, um einen angemessenen Lebensstandard für den Arbeitnehmer und seine Familie zu ermöglichen. Elemente eines angemessenen Lebensstandards umfassen Nahrung, Wasser, Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Transport, Kleidung und andere wesentliche Bedürfnisse, einschließlich Vorsorge für unerwartete Ereignisse.“ [3]

So berechnet man den Living Wage

Zur Berechnung des Living Wage gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Eine bekannte und weitgehend etablierte Berechnungsmethode ist die Anker-Methode [4]  der Global Living Wage Coalition.

Zunächst werden die Gesamtkosten, die für ein menschenwürdiges Leben nötig sind, addiert. Hierzu zählen neben den regionalen Kosten für die Erfüllung der Grundbedürfnisse auch die Vorsorge für unerwartete Ereignisse, zum Beispiel Krankheiten.

Diese Gesamtkosten pro Familie werden durch die Anzahl der berufstätigen Familienmitglieder geteilt (Netto Living Wage). Dieser Betrag wird wiederum um Steuern und Abzüge ergänzt, was letztendlich den (Brutto) Living Wage ergibt.

Zur Erhebung der nötigen Werte werden verschiedene Quellen genutzt. Im Austausch mit Stakeholdern werden zum Beispiel die lokalen Lebensmittelpreise und Wohnkosten ermittelt. Aber auch Sekundärdaten wie nationale Datenerhebungen oder bestehende Living-Income-Benchmarks werden genutzt, um lokale Lebenshaltungskosten genauer zu definieren.

Da diese Erhebung natürlich viel Aufwand bedeutet, wurde ein Tool entwickelt, das Unternehmen dabei hilft, den Living Wage ihrer Produzentenregionen zu bestimmen: die IDH-Gehaltsmatrix. Sie basiert auf der Anker-Methode und hilft nicht nur bei der Berechnung der regionalen Living Wages, sondern auch bei der Überprüfung, inwieweit die tatsächlich gezahlten Löhne von diesen abweichen. Die IDH-Matrix wird regelmäßig an die aktuellen Entwicklungen angepasst, indem sie durch regionale Living-Wage-Benchmarks aktualisiert wird.

So wird der Living Wage umgesetzt

Hat ein Unternehmen nun die Referenzwerte für einen existenzsichernden Lohn in der Produzentenregion, gilt es sicherzustellen, dass dieser in allen Produktionsstätten tatsächlich gezahlt wird. Hierfür wird der gezahlte Lohn mit dem theoretischen existenzsichernden Lohn verglichen. Sollte der Living Wage höher sein als der tatsächlich gezahlte Lohn, wird diese Lohnlücke geschlossen, beispielsweise durch die Erhöhung des Lohns oder die Aushändigung von Lebensmittelgutscheinen. Um diese Umsetzung glaubwürdig nachzuweisen, wird die Zahlung des Living Wage durch ein unabhängiges Auditunternehmen geprüft und zertifiziert.

Living Wage – ein wegweisendes Konzept für sozial gerechte Lieferketten

Living Wage ist ein relativ junges Konzept, das in den letzten Jahren unter anderem im Bananensektor zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Wir sind davon überzeugt, dass das Konzept das Potential hat, die globalen Wertschöpfungsketten nachhaltig zu verbessern und die Zahlung existenzsichernder Löhne einfacher und transparenter zu machen. Nicht nur, weil es die Berechnung der nötigen Löhne vereinfacht, sondern auch, weil das Wissen darüber Unternehmen in die Verantwortung nimmt, entsprechende Löhne auch zu zahlen.

Aus diesem Grund arbeiten wir, ebenso wie viele andere Unternehmen aus der Branche, intensiv daran, den Living Wage für alle Angestellten unserer Bananen-Produzenten zu berechnen und umzusetzen.

[1] https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Weitere_Publikationen/Broschuere_70_Jahre_AEMR_01.pdf

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1356924/umfrage/globale-armut-anzahl-der-armen-menschen/

[3] https://www.globallivingwage.org/about/what-is-a-living-wage/

[4] https://www.globallivingwage.org/about/anker-methodology/